Abonnieren Sie unseren
Newsletter

Ein Klient beschreibt sein Muster, ständig zu viel zu übernehmen und Grenzen zu spät zu ziehen – und plötzlich fügen sich Beobachtungen aus mehreren Sitzungen zu einem Bild zusammen. Genau an diesem Punkt setzen viele Coaches das Enneagramm im Coaching ein: als Landkarte, die hilft, wiederkehrende Denk- und Verhaltensmuster sichtbar zu machen. Das Enneagramm beschreibt neun Persönlichkeitstypen mit jeweils eigenen Motiven, Ängsten und Entwicklungsrichtungen. Für die Coaching-Praxis lohnt sich dabei ein doppelter Blick: auf den praktischen Nutzen des Modells – und auf seine Grenzen.
Das geometrische Enneagramm-Symbol wurde im frühen 20. Jahrhundert vom Esoteriker George Gurdjieff im Westen bekannt gemacht, allerdings zunächst als Symbol für universelle Prozesse, nicht für Persönlichkeit. Erst der Bolivianer Oscar Ichazo übertrug es ab den 1960er-Jahren auf psychologische Muster, der Psychiater Claudio Naranjo entwickelte daraus in den 1970er-Jahren das Modell der neun Persönlichkeitstypen, wie es heute im Coaching verwendet wird. Jeder Typ steht für eine bestimmte Grundmotivation – etwa das Bedürfnis nach Perfektion, Anerkennung oder Sicherheit – aus der sich typische Denkmuster, Stärken und blinde Flecken ableiten lassen.
Für den Einstieg ins Coaching hilft eine kompakte Übersicht der neun Typen und ihrer zentralen Motivation:
Im Coaching-Gespräch dient diese Typologie weniger als starres Etikett, sondern als Ausgangspunkt, um typische Reaktionsmuster eines Klienten gemeinsam zu erkunden.
Anders als reine Persönlichkeitstests liefert das Enneagramm eine Geschichte: Es erklärt nicht nur, wie jemand handelt, sondern auch, aus welcher inneren Motivation heraus. Das macht es im Coaching zu einem griffigen Gesprächswerkzeug, um Verhaltensmuster in Beziehungen, Führung oder Stresssituationen zu benennen. Coaches nutzen es häufig, um Klient:innen einen ersten Zugang zu Selbstreflexion zu ermöglichen, bevor an konkreten Zielen und Veränderungsschritten gearbeitet wird. Die Popularität reicht dabei über das klassische Coaching hinaus: Auch die International Association of Project Managers setzt sich mit dem Enneagramm auseinander, um Team- und Kommunikationsdynamiken in Projekten besser zu verstehen – ein Hinweis darauf, wie breit das Modell inzwischen als Reflexionswerkzeug in professionellen Kontexten genutzt wird.
Eine seriöse Coaching-Praxis verlangt auch eine ehrliche Einordnung: Das Enneagramm ist kein wissenschaftlich validiertes Testverfahren. Wie Psychologie Heute festhält, sind „Persönlichkeitstypen empirisch nicht haltbar“ – untersucht man grössere Personengruppen, lassen sie sich nicht sauber in wenige feste Kategorien einteilen. Hinzu kommt der sogenannte Barnum-Effekt: Typenbeschreibungen sind oft so allgemein formuliert, dass sich viele Menschen darin wiedererkennen, unabhängig vom tatsächlich zugeordneten Typ. Als wissenschaftlich besser abgesichertes Modell gelten die Big Five, die Persönlichkeit nicht in Kategorien, sondern auf einem kontinuierlichen Spektrum abbilden.
Für Coaches bedeutet das nicht, auf das Enneagramm zu verzichten – wohl aber, es als das zu behandeln, was es ist: ein Reflexions- und Gesprächsinstrument, kein diagnostisches Messverfahren.
Diese Einordnung hat praktische Konsequenzen für den Einsatz im Coaching:
Diese Punkte decken sich mit dem, was der Ethikkodex der International Coaching Federation von professionellem Coaching grundsätzlich verlangt: Transparenz gegenüber Klient:innen und ein verantwortungsvoller Umgang mit den eingesetzten Methoden. Wer das Enneagramm auf dieser Grundlage einsetzt, nutzt seine Stärke – die Zugänglichkeit für Klient:innen – ohne die Grenzen des Modells zu verschweigen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Klient, der sich in der Beschreibung von Typ 3 wiedererkennt, berichtet oft von Erschöpfung durch ständiges Leistenmüssen. Statt den Typ als Erklärung stehen zu lassen, fragt der Coach gezielt nach: Woher stammt das Bedürfnis nach Anerkennung, und in welchen Situationen zeigt es sich besonders stark? Das Enneagramm liefert hier den Einstieg ins Gespräch – die eigentliche Coaching-Arbeit beginnt erst danach.
Wer das Enneagramm neu in die eigene Coaching-Praxis aufnehmen möchte, sollte nicht mit einem Online-Test beginnen, sondern mit einer fundierten Weiterbildung, die Grundmotivationen, Entwicklungslinien und die drei Zentren (Kopf, Herz, Bauch) vermittelt. Der Fachverband für Coaching des V-P-T bietet dafür eine Plattform, auf der Coaches sich zu Methoden wie dem Enneagramm austauschen und an entsprechenden Weiterbildungen teilnehmen können.
Für die eigene Positionierung als Coach lohnt sich zudem der Blick auf eine V-P-T Mitgliedschaft: Mit dem Qualitätslabel des Verbands signalisieren Sie Klient:innen, dass Sie Methoden wie das Enneagramm reflektiert und nach anerkannten Coaching-Standards einsetzen – ein Vertrauensvorschuss, der gerade bei einem umstrittenen, aber wirkungsvollen Modell wie dem Enneagramm den Unterschied macht.

Nic Schweizer: Menschen sind mehr als ihre inneren Stimmen